Seminar des BUKO Arbeitsschwerpunktes Soziale Ökologie in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg Stiftung
5. bis 7. März 2010, Seminarhaus Meuchefitz, Wendland

Der Klimagipfel in Kopenhagen ist vorbei. Im Vorfeld hat der Arbeitsschwerpunkt Soziale Ökologie (ASSÖ) eine radikale Kritik der hegemonialen Klimapolitik formuliert. Nun liegt es an uns, diese Kritik vor dem Hintergrund der Geschehnisse in Kopenhagen neu auszuloten.
Eine erste Frage gilt dem derzeit viel diskutierten Green New Deal: Inwiefern ist das Projekt eines wirtschaftlichen Aufschwungs in grünem Lichte vor dem Hintergrund des Scheiterns staatlicher Handlungsfähigkeit in Kopenhagen neu zu bewerten? Um hinter der von vielen Protestgruppen gestellten Systemfrage den Inhalt des Gipfels nicht zu vergessen, werden die Folgen der globalen Erwärmung anhand von ‚false solutions‘ diskutiert. Auf der Suche nach den ‚real solutions‘ soll die Frage nach Alternativen und Praxen aufgegriffen werden. Kann dabei ein Begriff wie ‚Klimagerechtigkeit‘ als theoretischer Rahmen für eine linke, herrschaftskritische Positionierung hilfreich sein oder entpuppt dieser sich als eine wolkige Leerformel?
Die in den vergangenen Seminaren diskutierte Frage nach den gesellschaftlichen Naturverhältnissen dient als allgemeiner Bezugsrahmen. Gerade vor dem Hintergrund eines Diskussionsbias zugunsten ökonomischer Perspektiven sollen Ausblendungen in der Umwelt- und Klimadebatte thematisiert werden, um die Verwobenheit von ökologischen Problemlagen mit gesellschaftlichen Dimensionen, wie z.B. Geschlecht oder Nord-Süd-Ungleichheiten, zu diskutieren. Radikale sozial-ökologische Politik ist damit immer auch eine Kritik an globalen Macht- und Herrschaftsverhältnissen.

Teile der NGO-geprägten Protestkultur haben vor dem Hintergrund der nicht aufgenommenen Appelle an die ‚State Leaders‘ keine Ahnung mehr, an wen sie nun ihre Forderungen noch richten sollen. Steigt die Klima-Kanzlerin ab von ihrem Thron und überlässt den Unternehmen das Feld, die sich mit Kampagnen wie „Hopenhagen“ als die wahren Klimaretter darstellen? Zeigt sich damit im Ergebnis der COP das grundsätzliche Scheitern jedweder herrschaftskonformer Ansätze zur Lösung der sozial-ökologischen Krise? Oder liegt im Gegensatz dazu nicht gerade ein „Erfolg“ des Gipfels darin, gezeigt zu haben, dass eine zeitnahe „Lösung“ der Klimakrise, wenn dann nur von einem ‚Green New Deal‘ der Unternehmen ausgehen wird? Welche Bedeutung also haben die internationalen Klimaverhandlungen für die Etablierung eines ‚grünen‘ Kapitalismus und welche Perspektiven ergeben sich daraus für soziale Bewegungen, die einen solchen anfechten?

Um die vielfältigen gesellschaftlichen Verwobenheiten ökologischer Problemlagen nicht zu vernachlässigen, soll ein Überblick über die Auswirkungen diskutierter „Lösungs“vorschläge globaler Klimapolitik gegeben werden. Die Kritik an diesen Ansätzen wie beispielsweise Emissionshandel, CDM, Gentechnik, Atomkraft oder Kohlenstoffabscheidung bleibt weiter aktuell. Anhand solcher Beispiele können die auf gesellschaftlichen Machtverhältnissen beruhenden sozialen Folgen deutlicher gemacht werden.

Die Frage nach den Alternativen und sozialen Praxen zu den eben aufgezählten „false solutions“ stellt in der Klimadebatte nach wie vor ein Leerstelle dar und lässt viele mit einem Schulterzucken und dem Verweis auf abzulehnende individuelle Problembearbeitung aus Diskussionen abziehen. Die internationale Mobilisierung sozialer Bewegungen nach Kopenhagen brachte in vielerlei Hinsicht Licht in die Dämmerung „alternativer“ Lösungsansätze. Wenn auch im Vorfeld des Gipfels vielzitiert, blieben diese Ansätze nach wie vor unscharf. Ernährungssouveränität oder Energiesouveränität – woher stammen die Konzepte und wie sieht es mit der Übertragbarkeit dieser eher aus Ländern des Südens geprägten Konzepte in den globalen Norden aus?

Wenn klar ist, dass weder auf ‚false solutions‘ noch auf einen Green New Deal zu setzen ist, kann dann der inzwischen inflationär gebrauchte Begriff ‚Klimagerechtigkeit‘ einen Ausgangspunkt für emanzipatorische Perspektiven bilden und eine gegenhegemoniale Wirksamkeit erlangen? Ausgehend von der Geschichte des Begriffs werfen wir einen Blick auf dessen gegenwärtige Verwendung: Welche Konzepte stehen dahinter? Kann der Begriff mit grundsätzlichen antikapitalistischen Positionen einhergehen, wie sie im Zuge der Kritik am Green New Deal formuliert werden? Handelt es sich bei Klimagerechtigkeit um einen „leeren Signifikanten“, dessen inhaltliche „Füllung“ gegenwärtig heftig umkämpft ist? Und falls dies zutrifft: Ist es sinnvoll und notwendig, sich von Seiten emanzipatorischer sozialer Bewegungen an einer solchen diskursiven Auseinandersetzung um diesen Begriff zu beteiligen?
All das sind (mehr oder weniger zusammenhängende) Fragen, die wir mit euch diskutieren möchten! Dabei sollen auch Perspektiven für strategische Interventionen, insbesondere des ASSÖ, in Auseinandersetzungen um sozial-ökologische Fragen erarbeitet werden. Ein erster Schritt dahin ist der BUKO33-Kongress im Mai in Tübingen.

Ein detailliertes Programm folgt in den kommenden Tagen.
Im Vorfeld des Seminars wird ein Reader zur inhaltlichen Vorbereitung verschickt.

Anmeldungen möglichst bis zum 21.2. an: mail [at] buko.info (Die Teilnehmer_innenzahl ist auf 32 Personen begrenzt. Eine frühzeitige Anmeldung kommt uns sehr entgegen.)

Beitrag: 20 Euro, inkl. Übernachtung und Vollverpflegung (am Geld soll eine Teilnahme jedoch nicht scheitern)

Weitere Informationen zum Arbeitsschwerpunkt Soziale Ökologie: http://www.buko.info/buko-projekte/as-soziale-oekologie/