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Klimacamp in Tschechien erfolgreich – aber mit hartem Polizeieinsatz

Vom 21.bis 25.6.fand in Nordböhmen in der Braunkohletagebauregion rund um die Stadt Most das erste größere Klimacamp am Rande des Dorfes Horní Jiřetín statt.

In Nordböhmen wird seit dem 15. Jahrhundert Braunkohle gefördert. Die ganze Region ist beherrscht von großen Tagebauminen, Kraftwerken mit riesigen Kühltürmen, Stromleitungen und weitverzweigten Chemiefabriken. Die Braunkohle hat aus dieser lieblichen Vulkanlandschaft im 20. Jahrhundert eine Mondlandschaft mit riesige Erdlöchern und Brachen gemacht. Das heute bei uns vergessene Waldsterben aus den 70 er Jahren auf den Kammlagen des Erzgebirges und dem massenhaften Krupphusten bei Kindern infolge der Luftverschmutzung ist hingegen in der örtlichen Bevölkerung immer noch präsent. Viele von der Abbaggerung bedrohte Dörfer wie Horni Jiřetín sind für eine baldige Beendigung der Kohleförderung. Zwar hat die tschechische Regierung vor zwei Jahren zugesichert, dass keine weiteren Dörfer abgebaggert werden, sich jedoch ein Hintertürchen offen gehalten, um den Betrieb der zahlreichen Kohlekraftwerke auch über 2022 hinaus zu sichern. Tschchien ist hochgradig von diesen Braunkohlekraftwerken abhängig. So werden z.B. nahezu zwei Drittel der tschechischen Häusern per Fernheizung durch die Abwärme der Kohlekraftwerke versorgt. Die Regierung hat aber bis heute keinen Plan, wie diese Häuser nach dem Ende des Tagebaus mit Wärme versorgt werden sollen und wo der Strom für die Industrie herkommt.

Das ist in aller Kürze die Ausgangslage für die junge Klimabewegung in Tschechien. Das Camp war hervorragend organisiert, mit einem Legalteam, guter Küche, grossem Plenumszelt etc. Der Aktionstag war der Samstag, an dem parallel in Amsterdam der Kohleimporthafen von Klima-Aktivistinnen blockiert wurde. Zunächst zogen die 300 Aktivistinnen zu einem für 2 Tage stillgelegten Tagebau an der Dorfgrenze von Horni Jiřetín. Danach gings in bereitgestellte Busse, um zu einem 20 km entfernten Tagebau bei Bilina zu fahren. Am frühen Morgen hatten schon 15 Aktivistinnen ein grosses Förderband im Tagebau stillgelegt. Der Plan war, unterwegs an einem Aussichtspunkt anzuhalten und schnell die Busse zu verlassen und in den nur 100 m entfernten Tagebau einzudringen. 120 weisse Overalls überquerten im Laufschritt die Strasse, rutschten eine Böschung runter und verschwanden in der Grube. Die uns begleitenden Bullen blieben in ihren Fahrzeugen hocken und wir konnten ungehindert den 5 km langen Marsch durch den riesigen Tagebau bis auf die unterste Sohle durchführen. Unterwegs begrüßten uns die Grubenarbeiter eher durchaus freundlich, einige reichten uns später sorgar Wasser, denn es war, je tiefer wir kamen, eine Höllenhitze in der Sonne. Am untersten Punkt an einem gerade stillgelegten Bagger kamen dann die tschechischen Robocops, teilweise schwer bewaffnet mit MP’s und alle vermummt wie bei einem Antiterroreinsatz. Wir zogen uns unter den Bagger zurück. Die Bullen griffen sofort an und zerrten die ersten mit brutaler Gewalt aus unseren Ketten heraus. Die uns begleitende Presse wurde festgenommen.

Dann änderte sich die Taktik der Polizeiarmada und wir wurden in eine Wagenburg der aufgestellten Bullenfahrzeuge geführt. Es dauert mehr als 6 Stunden bis die Uniformierten alle Personalien aufgenommen hatten. Gnädigerweise bekamen wir nach 3 Stunden mal 20 Liter Wasser von den Bullen, dazwischen hatten uns einige Grubenarbeiter mit dem kostbaren Nass versorgt. Dann kam aber erst die eigentliche Tortur. Schön der Reihe nach wurden wir in Unimogbusse gepfercht, vorher aber alle mit den Händen auf dem Rücken gefesselt. Es war schon stockduster bis wir dann die Grube verlassen hatten und in einen grossen Polizeibus versetzt wurden. Immer noch gefesselt sassen wir teilweise dort noch mal vier Stunden, denn die Bullen verteilten uns auf 4-5 verschiedene Knastzellen in den nordbömischen Städten wie Teplice, Chomutov und Usti.

Im Bus liessen die mitfahrenden Robocops ihren ganzen Sadismus raus, es herrschte strenges Redeverbot, Fragen der Gefangenen, warum diese erniedrigende Behandlung, wurden mit einem Grinsen beantwortet. Irgendwer von uns fing an das alte Partisanenlied Bella Ciao zu summen und wir alle summten kräftig mit. Die Bullen glotzen irritiert und am Ende applaudierte der Busfahrer, der offenbar nicht der Polizei angehörte. Ein kleiner Punktsieg für uns. Im Laufe der Nacht und des Sonntags wurde fast alle dann entlassen, einige, die sich nicht ausweisen wollten, wurden ED-behandelt. In Usti versammelten sich 50 Leute aus dem Camp und begrüßten mit einer Sambaband die Entlassenen. Das war eine wunderschöne kleine Soliaktion aus dem Camp heraus.

Unsere tschechischen Freundinnen war am Nachmittag trotz aller Bullenprovo mit dem Aktionstags sehr zufrieden. Zum ersten mal gelang es, wenn auch nur für kurze Zeit, einen Tagebau zu besetzen. Obwohl die Arbeit in der Grube nicht unterbrochen wurde, ist das ein Erfolg. Das tschechische Fernsehen berichtete ausführlich und die widersprüchliche Politik der Regierung in Sachen Kohleausstieg und Einhaltung des Pariser Abkommens war endlich mal wieder Tagesthema.

Bericht Klimacamp im Tschechien

hier kommt ein Bericht aus Tschechien. Da mein Kurzzeitgedächtnis überfüllt ist, mit wunderschönen Momenten, wird es wohl eher ein längerer Bericht werden. Und da mein Herz gefüllt ist mit positiven Emotionen, dürft ihr euch auf eine eher blumige Sprache einstellen ;)

Ich glaube, es ist in dem Fall ausnahmsweise legitim, für alle zu sprechen und zu sagen, dass wir eine tolle und inspirierende Zeit hatten.

Was unsere tschechischen Freund*innen auf die Beine gestellt haben, war absolut beeindruckend. Das Camp lag mitten im Grünen direkt am Ortseingang von Horní Jiřetín: Wir haben in einem Birkenwäldchen gezeltet und hatten in 5-minütiger Laufweite einen Badesee. Alles, was das Klimacamper*innen-Herz begehrt war vor Ort: ein gut gefülltes Info- und Pressezelt, ein Sanizelt, oberleckeres Essen, schokoladige Obstspieße und chillige Musik präpariert von einem Bar-Kollektiv, eine großes Plenumszelt, ein Chill-Out-Zelt, Workshop-Zelte, ein Material-Bastel-Zelt, ein Legal-Team-Zelt, Solarstrom …und natürlich die allseits beliebten Komposttoiletten, sowie die Möglichkeit für eine erfrischende (nicht mal zu kalte) Dusche unter freiem Himmel. Sozusagen ein Rund-um-Wohlfühl-Paket :) Es sind bis zum Freitag noch neue Menschen angereist – dann waren wir wohl um die 300. Es war eine tolle Atmosphäre, ein Ort für Vernetzung und für neu entstehende und weiter vertiefte Freunschaften. Auch schön zu sehen, war die Unterstützung der Anwohner*innen – das Klimacamp war offiziell zu Gast in Horní Jiřetín. Der Bürgermeister führte durch den Ort und war mehrmals auf dem Klimacamp zu sehen und die Reaktionen nach den Aktionen waren durchweg positiv.

Von Samstag (ungewollt bis hinein in den Sonntag, vereinzelt sogar bis heute) hatten wir einen sehr erfolgreichen, aber auch anstrengenden Aktionstag. Auch hier waren die Vorbereitung und die Kreativität beeindruckend. Den Auftakt machte eine Demonstration, die vom Klimacamp startete, sich dann am Grubenrand entlangschlängelte und somit eine gute Möglichkeit bot, mit den Teilnehmenden eine Rote Linie zu ziehen. Besonderes Gimmick: Robocops auf Polizeipferden – mit dem Tagebau in ihrem Rücken sahen sie aus wie die Schutzstaffel von Mordor.

Im Anschluss sind wir zusammen in 5 Linienbusse gestiegen, um zu weiteren Kundgebungen in einer 30 Minuten entfernten Stadt zu fahren. Unterdessen verfolgte der Polizeihubschrauber einen 8-köpfigen Fahrradfinger und die Hubschrauber-Crew fragte sich wohl die ganze Zeit, wann denn endlich die angekündigte Aktion starten würde… Währenddessen wurde den Insassen der Busse erklärt, dass es Zeit ist, die Anzüge anzuziehen, um beim ungeplanten Zwischenstopp startbereit für die Aktion Zivilen Ungehorsams zu sein. Gesagt, getan: beim Halt sprangen wir aus den Bussen, liefen über eine Straße, rutschten eine Böschung hinunter und schon waren wir am Eingang zur Grube. Den Cops war es wichtig, ihre Wagen vorschriftsmäßig zu parken und scheinbar hatten sie auch ein paar ihrer (gefühlt) 500 Utensilien noch nicht angelegt, sodass sie uns nicht verfolgten. Der Überrschungsmoment war gelungen und wir wanderten singend und euphorisch in die Mine. Die Arbeiter*innen, die wir auf dem Weg in die Grube trafen, schienen zum Großteil vergnügt über die Abwechslung, winkten uns lächelnd zu und nutzten ausgiebig ihre Smartphones zur Dokumentation. Die Busse fuhren weiter zu den angemeldeten Kundgebungen und trugen so unsere Forderungen vor die Kraftwerke.

https://www.facebook.com/limityjsmemy/videos/824480677701280/

https://www.facebook.com/limityjsmemy/videos/823471617802186/

https://usti.idnes.cz/kemp-ekologove-horni-jiretin-mostecko-proti-uhli-f7o-/usti-zpravy.aspx?c=A170622_2334444_usti-zpravy_vac2

Schon am Vorabend war eine weitere Kleingruppe aufgebrochen, hatte an einem strategisch guten Ort übernachtet und ist morgens mit Leitern über die den Tagebau fast vollständig umschließende Mauer geklettert. Die Gruppe hat ein Förderband ausgeschaltet, super Fotos geschossen und versucht die Cops von der größeren Gruppe, die noch kommen würde, abzulenken.

https://www.facebook.com/limityjsmemy/photos/pcb.823467807802567/823467647802583/?type=3&theater

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Der große Finger schaffte es gerade noch zum Ziel: einem Bagger am tiefsten, zu Fuß zu erreichenden Punkt der Mine, bevor die Cops auch vor Ort waren. Diese waren leider nicht mehr so lethargisch wie zuvor, sondern sprangen in voller Montur aus ihren Wagen und liefen sofort auf die Menge zu. Es war gerade noch möglich, eine Sitzblockade vor dem Bagger zu errichten. Dass wir sie so richtig gereizt hatten, bekamen wir recht schnell zu spüren. Nachdem sie zuerst die Presse arbeitsunfähig gemacht hatten, indem sie sie festzsetzten und weitere Aufnahmen verboten, zogen sie den Menschen mit der Fahne aus der Menge und begannen auch direkt, die Blockade zu räumen. Es folgte stundenlanges Ausharren in der prallen Sonne, gefolgt von längerem Ausharren in Transportwägen des Minenbetreibers, ein wackliger Höllenritt aus der Mine, erneutes stundenlanges Warten auf den Abtransport im Polizeibus und dann fing der Spaß erst richtig an. Die Internationals waren in einen eigenen Bus sortiert worden und wir bekamen eine wohl 4-stündige nächtliche Rundfahrt durch Nordböhmen und das unter der Herrschaft der bis dahin schlimmsten Polizeistaffel des Tages. Wir klapperten der Reihe nach alle Polizeistationen ab, die es auf dem Weg gab und wurden in Kleingruppen auf die Wachen verteilt was für die Meisten gleichbedeutend war mit einer Nacht in einer Zelle. Das ganze zog sich über Stunden hin, manch eine*r schaffte es erst im Morgengrauen auf die Zelle.

https://www.facebook.com/pg/limityjsmemy/photos/?tab=album&album_id=823841297765218

Die Busfahrt war sehr hart und kräftezehrend und dennoch schafften wir es, durch kleine individuelle und kollektive widerständige Aktionen, die Situation erträglicher zu machen. Einer der berührendsten Momente war wohl für viele, als eine Person aufgrund des von den Cops mit Nachdruck verhängten Sprechverbots anfing, "Bella Ciao" zu summen. Der gesamte Bus stimmte ein und wurde zu einem immer lauter summenden Chor – für uns absolute Gänsehaut, ein Gefühl von tiefer Verbundenheit und auf der anderen Seite total irritierte Cops, die dem nichts entgegen zu setzen wussten.

Und wie gut es tat, an den meisten Polizeistationen, bekannte Gesichter auftauchen zu sehen! Die Menschen im Camp hatten eine unglaubliche Solistruktur geschaffen, verfolgten den Polizeibus durch die Nacht und waren auch morgens direkt wieder am Start, als wir zu den Verhörs zur "Foreigner Police" gebracht wurden (ein Shout-Out an die Menschen aus unseren Strukturen, die dabei auch am Start waren!). Auch ein solidarischer Anwalt war schon vor Ort als wir zur Foreign Police gebracht wurden. Ungefähr ab Mittag kamen wir eine* nach dem anderen* frei, wurden an den unterschiedlichen Orten durch Solikundgebungen erwartet, sofort geherzt und mit allerlei Leckereien versorgt. Viele der Strapazen waren in dem Moment verflogen.

Videos von der Solidemo in Ústí nad Labem:

https://www.facebook.com/laura.kovacsova/videos/10209703010107609/

https://www.facebook.com/limityjsmemy/videos/823865394429475/

Als wir dann noch erfuhren, dass die Aktionen es trotz massiver Behinderung der Berichterstattung und der Festnahme der Presseteams an die erste Stelle der tschechischen Nachrichten und auf einige Titelseiten geschafft hatte, waren wir mehr als froh.

Insgesamt haben die Menschen des Camps es geschafft, eine Atmosphäre zu schaffen, in der alle Arbeiten gleich bedeutend und gleich gewertschätzt waren. Die Strukturen rund um die Aktion, sowie die verschiedenen miteinander verzahnten Aktionsformen haben es ermöglicht, dass trotz harter Repression ein sehr kraftvoller und stärkender Moment entstanden ist. Auch die vielen kleinen und großen Momente der Solidarität, der gegenseitigen Unterstützung und Aufmunterung haben die letzten Tage unvergesslich gemacht. Wir haben erst nach vielen Umarmungen, oft begleitet vom Versprechen uns bald an anderer Stelle wieder zu sehen, das Camp verlassen – und mit großer Vorfreude auf das nächste Klimacamp unter dem Motto "Limity Jsme My".

Weitere tolle Fotos findet ihr hier:

https://www.facebook.com/limityjsmemy/

Und hier ein Fernsehbeitrag:

http://prima.iprima.cz/zpravodajstvi/24-6-2017-zpravy-aktiviste-vnikli-do-lomu-bilina