Bericht Klimacamp im Tschechien

hier kommt ein Bericht aus Tschechien. Da mein Kurzzeitgedächtnis überfüllt ist, mit wunderschönen Momenten, wird es wohl eher ein längerer Bericht werden. Und da mein Herz gefüllt ist mit positiven Emotionen, dürft ihr euch auf eine eher blumige Sprache einstellen ;)

Ich glaube, es ist in dem Fall ausnahmsweise legitim, für alle zu sprechen und zu sagen, dass wir eine tolle und inspirierende Zeit hatten.

Was unsere tschechischen Freund*innen auf die Beine gestellt haben, war absolut beeindruckend. Das Camp lag mitten im Grünen direkt am Ortseingang von Horní Jiřetín: Wir haben in einem Birkenwäldchen gezeltet und hatten in 5-minütiger Laufweite einen Badesee. Alles, was das Klimacamper*innen-Herz begehrt war vor Ort: ein gut gefülltes Info- und Pressezelt, ein Sanizelt, oberleckeres Essen, schokoladige Obstspieße und chillige Musik präpariert von einem Bar-Kollektiv, eine großes Plenumszelt, ein Chill-Out-Zelt, Workshop-Zelte, ein Material-Bastel-Zelt, ein Legal-Team-Zelt, Solarstrom …und natürlich die allseits beliebten Komposttoiletten, sowie die Möglichkeit für eine erfrischende (nicht mal zu kalte) Dusche unter freiem Himmel. Sozusagen ein Rund-um-Wohlfühl-Paket :) Es sind bis zum Freitag noch neue Menschen angereist – dann waren wir wohl um die 300. Es war eine tolle Atmosphäre, ein Ort für Vernetzung und für neu entstehende und weiter vertiefte Freunschaften. Auch schön zu sehen, war die Unterstützung der Anwohner*innen – das Klimacamp war offiziell zu Gast in Horní Jiřetín. Der Bürgermeister führte durch den Ort und war mehrmals auf dem Klimacamp zu sehen und die Reaktionen nach den Aktionen waren durchweg positiv.

Von Samstag (ungewollt bis hinein in den Sonntag, vereinzelt sogar bis heute) hatten wir einen sehr erfolgreichen, aber auch anstrengenden Aktionstag. Auch hier waren die Vorbereitung und die Kreativität beeindruckend. Den Auftakt machte eine Demonstration, die vom Klimacamp startete, sich dann am Grubenrand entlangschlängelte und somit eine gute Möglichkeit bot, mit den Teilnehmenden eine Rote Linie zu ziehen. Besonderes Gimmick: Robocops auf Polizeipferden – mit dem Tagebau in ihrem Rücken sahen sie aus wie die Schutzstaffel von Mordor.

Im Anschluss sind wir zusammen in 5 Linienbusse gestiegen, um zu weiteren Kundgebungen in einer 30 Minuten entfernten Stadt zu fahren. Unterdessen verfolgte der Polizeihubschrauber einen 8-köpfigen Fahrradfinger und die Hubschrauber-Crew fragte sich wohl die ganze Zeit, wann denn endlich die angekündigte Aktion starten würde… Währenddessen wurde den Insassen der Busse erklärt, dass es Zeit ist, die Anzüge anzuziehen, um beim ungeplanten Zwischenstopp startbereit für die Aktion Zivilen Ungehorsams zu sein. Gesagt, getan: beim Halt sprangen wir aus den Bussen, liefen über eine Straße, rutschten eine Böschung hinunter und schon waren wir am Eingang zur Grube. Den Cops war es wichtig, ihre Wagen vorschriftsmäßig zu parken und scheinbar hatten sie auch ein paar ihrer (gefühlt) 500 Utensilien noch nicht angelegt, sodass sie uns nicht verfolgten. Der Überrschungsmoment war gelungen und wir wanderten singend und euphorisch in die Mine. Die Arbeiter*innen, die wir auf dem Weg in die Grube trafen, schienen zum Großteil vergnügt über die Abwechslung, winkten uns lächelnd zu und nutzten ausgiebig ihre Smartphones zur Dokumentation. Die Busse fuhren weiter zu den angemeldeten Kundgebungen und trugen so unsere Forderungen vor die Kraftwerke.

https://www.facebook.com/limityjsmemy/videos/824480677701280/

https://www.facebook.com/limityjsmemy/videos/823471617802186/

https://usti.idnes.cz/kemp-ekologove-horni-jiretin-mostecko-proti-uhli-f7o-/usti-zpravy.aspx?c=A170622_2334444_usti-zpravy_vac2

Schon am Vorabend war eine weitere Kleingruppe aufgebrochen, hatte an einem strategisch guten Ort übernachtet und ist morgens mit Leitern über die den Tagebau fast vollständig umschließende Mauer geklettert. Die Gruppe hat ein Förderband ausgeschaltet, super Fotos geschossen und versucht die Cops von der größeren Gruppe, die noch kommen würde, abzulenken.

https://www.facebook.com/limityjsmemy/photos/pcb.823467807802567/823467647802583/?type=3&theater

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https://www.facebook.com/limityjsmemy/photos/pcb.823467807802567/823465601136121/?type=3&theater

Der große Finger schaffte es gerade noch zum Ziel: einem Bagger am tiefsten, zu Fuß zu erreichenden Punkt der Mine, bevor die Cops auch vor Ort waren. Diese waren leider nicht mehr so lethargisch wie zuvor, sondern sprangen in voller Montur aus ihren Wagen und liefen sofort auf die Menge zu. Es war gerade noch möglich, eine Sitzblockade vor dem Bagger zu errichten. Dass wir sie so richtig gereizt hatten, bekamen wir recht schnell zu spüren. Nachdem sie zuerst die Presse arbeitsunfähig gemacht hatten, indem sie sie festzsetzten und weitere Aufnahmen verboten, zogen sie den Menschen mit der Fahne aus der Menge und begannen auch direkt, die Blockade zu räumen. Es folgte stundenlanges Ausharren in der prallen Sonne, gefolgt von längerem Ausharren in Transportwägen des Minenbetreibers, ein wackliger Höllenritt aus der Mine, erneutes stundenlanges Warten auf den Abtransport im Polizeibus und dann fing der Spaß erst richtig an. Die Internationals waren in einen eigenen Bus sortiert worden und wir bekamen eine wohl 4-stündige nächtliche Rundfahrt durch Nordböhmen und das unter der Herrschaft der bis dahin schlimmsten Polizeistaffel des Tages. Wir klapperten der Reihe nach alle Polizeistationen ab, die es auf dem Weg gab und wurden in Kleingruppen auf die Wachen verteilt was für die Meisten gleichbedeutend war mit einer Nacht in einer Zelle. Das ganze zog sich über Stunden hin, manch eine*r schaffte es erst im Morgengrauen auf die Zelle.

https://www.facebook.com/pg/limityjsmemy/photos/?tab=album&album_id=823841297765218

Die Busfahrt war sehr hart und kräftezehrend und dennoch schafften wir es, durch kleine individuelle und kollektive widerständige Aktionen, die Situation erträglicher zu machen. Einer der berührendsten Momente war wohl für viele, als eine Person aufgrund des von den Cops mit Nachdruck verhängten Sprechverbots anfing, "Bella Ciao" zu summen. Der gesamte Bus stimmte ein und wurde zu einem immer lauter summenden Chor – für uns absolute Gänsehaut, ein Gefühl von tiefer Verbundenheit und auf der anderen Seite total irritierte Cops, die dem nichts entgegen zu setzen wussten.

Und wie gut es tat, an den meisten Polizeistationen, bekannte Gesichter auftauchen zu sehen! Die Menschen im Camp hatten eine unglaubliche Solistruktur geschaffen, verfolgten den Polizeibus durch die Nacht und waren auch morgens direkt wieder am Start, als wir zu den Verhörs zur "Foreigner Police" gebracht wurden (ein Shout-Out an die Menschen aus unseren Strukturen, die dabei auch am Start waren!). Auch ein solidarischer Anwalt war schon vor Ort als wir zur Foreign Police gebracht wurden. Ungefähr ab Mittag kamen wir eine* nach dem anderen* frei, wurden an den unterschiedlichen Orten durch Solikundgebungen erwartet, sofort geherzt und mit allerlei Leckereien versorgt. Viele der Strapazen waren in dem Moment verflogen.

Videos von der Solidemo in Ústí nad Labem:

https://www.facebook.com/laura.kovacsova/videos/10209703010107609/

https://www.facebook.com/limityjsmemy/videos/823865394429475/

Als wir dann noch erfuhren, dass die Aktionen es trotz massiver Behinderung der Berichterstattung und der Festnahme der Presseteams an die erste Stelle der tschechischen Nachrichten und auf einige Titelseiten geschafft hatte, waren wir mehr als froh.

Insgesamt haben die Menschen des Camps es geschafft, eine Atmosphäre zu schaffen, in der alle Arbeiten gleich bedeutend und gleich gewertschätzt waren. Die Strukturen rund um die Aktion, sowie die verschiedenen miteinander verzahnten Aktionsformen haben es ermöglicht, dass trotz harter Repression ein sehr kraftvoller und stärkender Moment entstanden ist. Auch die vielen kleinen und großen Momente der Solidarität, der gegenseitigen Unterstützung und Aufmunterung haben die letzten Tage unvergesslich gemacht. Wir haben erst nach vielen Umarmungen, oft begleitet vom Versprechen uns bald an anderer Stelle wieder zu sehen, das Camp verlassen – und mit großer Vorfreude auf das nächste Klimacamp unter dem Motto "Limity Jsme My".

Weitere tolle Fotos findet ihr hier:

https://www.facebook.com/limityjsmemy/

Und hier ein Fernsehbeitrag:

http://prima.iprima.cz/zpravodajstvi/24-6-2017-zpravy-aktiviste-vnikli-do-lomu-bilina


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